Wie du Macht als Werkzeug verstehst und Räume für echte Verantwortung öffnest.
- Alexander Hachmeyer

- 9. Mai
- 7 Min. Lesezeit

Ich starte heute mit einer furchtbaren Geschichte. Nicht wegen des Schocks, sondern weil sie uns zeigt, was Macht bewirken kann, wenn sie bewusst und menschlich eingesetzt wird.
1. März 2019. Christchurch, Neuseeland. Ein Attentäter erschießt 51 Menschen in zwei Moscheen während des Freitagsgebets. Die Welt schaut zu, was eine 38-jährige Premierministerin in einem Land mit fünf Millionen Einwohnern jetzt tut.
Sechs Stunden nach dem schlimmsten Anschlag in der Geschichte ihres Landes steht Jacinda Ardern vor der Presse. Sie sagt drei Worte, die das Gegenteil dessen sind, was Macht normalerweise tut.
Sie tut nicht das, was Mächtige in solchen Momenten meist tun.
Sie sucht keinen Schuldigen außerhalb. Sie hält keine Rede über Stärke. Sie kündigt keinen Vergeltungsschlag an.
| Sie sagt nur: "They are us." - "Sie sind wir"

Eine Woche später trägt sie in der Moschee von Wellington ein Kopftuch und umarmt die Hinterbliebenen. Sechsundzwanzig Tage später ist das Gesetz zum Verbot halbautomatischer Waffen durch das Parlament. Was sie in dieser Zeit gezeigt hat, war eine Form von Macht, die ich in der politischen Welt selten gesehen habe. Klar. Schnell. Ohne Pathos. Ohne den Anschein von Stärke zu kultivieren.
Sie hatte Macht. Sie hat Macht genutzt. Aber nicht die Macht, die wir meistens meinen, wenn wir das Wort hören.
| Macht ist nie das Problem. Macht ohne Steuerung ist das Problem.
Was Ardern in diesen Tagen sichtbar gemacht hat, lässt sich in vier Modellen erklären. Vier Modelle, die zusammen zeigen, warum manche Menschen mit Macht Räume öffnen – und andere mit derselben Macht Räume zerstören.
Modell 1 – Macht ist ein Werkzeug
Mir ist in zwanzig Jahren Konzern und Mittelstand etwas aufgefallen. Du erkennst innerhalb von Minuten, wer mit Macht umgehen kann und wer nicht. Der eine setzt sie ein wie ein Koch sein Messer. Ruhig, präzise, ohne viel Aufhebens. Der andere fuchtelt damit, schneidet sich selbst, verletzt unabsichtlich andere.
Das hat nichts damit zu tun, wie lange jemand die Macht schon hat. Manche tragen ihre Position seit zwanzig Jahren und schneiden noch immer in dieselben Finger. Andere bekommen sie zum ersten Mal und gehen souverän damit um. Der Unterschied ist nicht die Zeit. Der Unterschied ist, ob jemand erkannt hat, dass Macht ein Werkzeug ist, das man lernen muss.
| Macht ist ein Werkzeug. Wie bei einem Messer entscheidet nicht das Werkzeug über die Wirkung, sondern der Gebrauch.

Das ist die gute Nachricht. Denn Werkzeuge kann man lernen. Und es ist nie zu spät, sie zu lernen. Wer sich aus dem Thema Macht heraushält, hält sich aus seiner eigenen Wirksamkeit heraus.
Modell 2 – Rollenmacht und persönliche Macht
Was Ardern in Christchurch gezeigt hat, war nicht eine Form von Macht. Es waren zwei. Sie hatte die Position der Premierministerin. Und sie hatte etwas, das nicht in der Position lag.
Diese Unterscheidung ist der wichtigste Hebel, den ich in Coachings sehe. Die meisten Führungskräfte verwechseln beides und überschätzen das eine, während sie das andere unterschätzen.
Rollenmacht entsteht durch deine Position. Vorgesetzter, Inhaberin, Geschäftsführer. Sie ist verliehen. Sie ist übertragbar. Sobald du die Rolle verlierst, verlierst du auch sie.
Persönliche Macht entsteht durch das, was du ausstrahlst. Klarheit, Integrität, Präsenz, Ruhe. Sie hängt nicht an einer Position. Sie wirkt, ob du eine Visitenkarte hast oder nicht.

Das ist der Grund, warum manche Geschäftsführer im Meetingraum laut werden und trotzdem nicht gehört werden, während die ruhige Mitarbeiterin im Großraumbüro, ohne formale Macht, das Team zusammenhält.
| Rolle ist verliehen. Persönliche Macht ist erworben. Nur die zweite trägt dich, wenn der Titel fällt.
Ardern hatte beides. Aber das, was hängen blieb das, was Hinterbliebene am Tag der Beisetzung getragen hat, was eine Nation in der Krise zusammenhielt das war nicht die Rolle. Das war die Person.
Modell 3 – Held und Weiser
Bleibt eine Frage: Wenn persönliche Macht nicht aus der Rolle kommt, woher kommt sie dann? Sie zeigt sich in der Art, wie jemand Macht ausübt. Und dafür gibt es zwei Pole.
Samstagvormittag. E-Jugend. Zwei Trainer am Spielfeldrand. Du kennst beide.

Der eine läuft die Linie auf und ab. Er ruft: "Pass nach links! Nein, anders! Mensch, Tim, was machst du da! Schieß doch!" Er weiß alles besser. Er sieht jeden Fehler. Er korrigiert in Echtzeit. Die Kinder schauen mehr zu ihm als zum Ball. Wenn er einmal nicht da ist, fällt das Spiel auseinander.
Der andere steht ruhig am Mittelkreis. Er ruft selten. In der Halbzeit kniet er sich zu seinen Spielern und fragt: "Was habt ihr gerade gesehen? Was wollt ihr in der zweiten Halbzeit anders machen?" Wenn er einmal nicht da ist, spielen die Kinder weiter.
Beide haben dieselbe Macht. Aber sie nutzen sie radikal anders.

Es gibt Momente, in denen ein Held genau richtig ist: Krise, Schnelligkeit, klare Ansage. Und es gibt Momente, in denen nur ein Weiser trägt: Entwicklung, Komplexität, langfristige Wirkung. Das Problem ist nicht der Stil. Das Problem ist, wenn jemand nur einen kennt.
Ardern war in der Krise eine Weise. Das ist das Bemerkenswerte. Die meisten greifen unter Druck reflexhaft zum Helden-Modus. Sie hat das Gegenteil getan.
Modell 4 – Wenn man genauer hinschaut: vier Wege
Held und Weiser ist die schnelle Unterscheidung. Sie reicht für den Alltag. Aber wer einmal genauer hinschaut, merkt: Es gibt nicht zwei Wege, Macht zu nutzen, sondern vier.
Die Forschung von Roy Baddeley und Kim James bringt eine zweite Dimension dazu: nicht nur wie jemand Macht ausübt, sondern auch wofür. Politisch bewusst kann jemand sein, weil er die eigenen Interessen geschickt durchsetzt – oder weil er eine Sache vorantreibt, die größer ist als er selbst. Und politisch unbewusst kann jemand sein, weil er emotional durch die Welt poltert – oder weil er voller Integrität ist, aber blind für die Spielregeln um ihn herum.

Vier Typen, die jeder in seinem Umfeld kennt:
Ungeschickt ist die Mitarbeiterin, die sich für die richtige Sache einsetzt, dabei aber regelmäßig die falschen Leute brüskiert und die richtigen Verbündeten verliert. Sie meint es gut. Sie wirkt aber gegen sich selbst.
Arglos ist der Kollege, der seine Arbeit gewissenhaft macht, hohe ethische Standards hat – und sich wundert, warum andere immer wieder an ihm vorbeiziehen. Er sieht die Machtdynamik nicht. Er denkt, gute Arbeit reicht.
Clever ist die Geschäftsführerin, die jedes politische Spiel beherrscht, charmant verhandelt, jeden für sich gewinnt – aber am Ende immer für sich selbst. Sie kennt die Regeln. Sie nutzt sie für ihre Ziele.
Weise ist die seltene Verbindung: politisch klar sehen und integer handeln. Wissen, wie der Laden funktioniert – und Macht trotzdem für etwas einsetzen, das größer ist als der eigene Vorteil.
| Politisch bewusst zu sein heißt nicht, manipulativ zu sein. Es heißt, integer wirksam zu werden.
Das ist der Unterschied, der in vielen Karrieren entscheidet. Ardern war nicht nur weise im Held-Weiser-Sinn. Sie war weise im Vier-Felder-Sinn: politisch hellwach und integer. Beides zusammen. Genau das macht den Unterschied zwischen einer Person, die Macht hat, und einer Person, die mit Macht etwas bewegt.
Eine Beobachtung von Ella, 16
Diese Unterscheidungen sind keine Führungstheorie. Sie beginnen früher.
Ella, sechzehn Jahre alt, sagt es in einem Interview in der Schule: "Ich fühle mich unwohl, wenn meine Lehrerin unsicher ist und das über Arroganz überspielt. Dann kann ich sie nicht ernst nehmen. Ein anderer Lehrer sagt: 'Hey, da kann ich heute mal was von euch lernen.' Das empfinde ich als Stärke."
Was Ella hier benennt, ist genau das, was Erwachsene später in Meetings spüren, ohne es benennen zu können. Stärke, die laut wird, ist meistens Schwäche mit Lautstärke. Stärke, die einen Raum öffnet, ist Stärke aus Klarheit.
Erste Machterfahrungen machen wir nicht im Büro. Wir machen sie zu Hause, im Kindergarten, in der Schule. Wenn Macht biografisch destruktiv erlebt wurde, kippt der eigene Führungsstil später unbewusst zwischen "überfreundlich" und "gnadenlos". Beides sind Schutzbewegungen. Beide haben mit der Sache nichts mehr zu tun.
Konstruktive Macht braucht zwei Dinge: Vertrauen und Respekt. Ohne eines von beiden wird sie zur Bremse, nicht zum Werkzeug.
Was das mit dir und deinem Team zu tun hat
Bei dir. Aus welcher Macht heraus führst du gerade? Aus der Rolle? Oder aus der Person? Wenn du morgen den Titel verlierst, wem würden deine Leute trotzdem folgen?
In deinem Team. Wer ist bei dir gerade Held, wer Weiser? Da ist die hochkompetente Mitarbeiterin, die alles selbst macht, weil es sonst nicht richtig wird. Sie ist Heldin. Sie braucht keine Schulung. Sie braucht jemanden, der ihr erlaubt, weniger zu tun und mehr zu ermöglichen. Da ist der Kollege, der ständig fragt, wo es langgeht. Er hat Hunger nach Struktur. Er braucht keine Härte. Er braucht klare Räume, in denen er selbst entscheiden darf. Und manchmal, selten, ist da jemand, der einfach präsent bleibt, der nicht laut wird, dem die anderen freiwillig zuhören. Schütze diese Stelle.
| Wer ein Team führt, ohne diese Dynamik zu sehen, führt nur die Hälfte des Teams.
Wenn das in deinem Alltag gerade auftaucht
Manchmal lohnt sich ein Außenblick. Im Einzelcoaching klären wir das in vier bis sechs Gesprächen für dich persönlich. Im Tagesworkshop machen wir es im Team sichtbar – ohne zu bewerten, mit klaren nächsten Schritten.
Erstgespräch ist immer kostenfrei. Sechzig Minuten, keine Verkaufsfolien.
Das Werkzeug für heute. Drei Fragen für deine persönliche Wirkungsmacht
Persönliche Macht lässt sich nicht durch Argumentieren erreichen. Sie lässt sich durch Verkörpern entwickeln. Drei Fragen, die du jetzt sofort beantworten kannst.
1. Welches Bild kannst du in dir aufrufen, wenn du Wirkung brauchst? Eine Person, die für dich Klarheit verkörpert. Eine Szene, in der du selbst klar warst. Ein Tier, ein Berg, ein Raum. Etwas, das du in einer Sekunde abrufen kannst, bevor du den Konferenzraum betrittst.
2. Welche Körperhaltung trägt dich in diesem Bild? Schultern, Atmung, Standfestigkeit. Spür kurz nach. Wo bist du gerade aufrecht, wo nicht?
3. Welcher Satz – ein einziger – fasst diese Haltung zusammen? Kein Slogan. Kein Affirmationssatz. Ein Mottosatz, der für dich stimmt. "Ich bleibe." "Ich bin klar." "Ich vermag." Was auch immer dir gehört.
Diese drei Anker zusammen – Bild, Körper, Satz – sind dein persönliches Embodiment. Nutze sie morgens. Nutze sie vor schwierigen Gesprächen. Nutze sie, wenn du merkst, dass du gerade vom Erwachsenen-Ich abrutschst.
Schreib dir die drei Antworten auf. Nicht für andere. Für dich.
"Wenn du mächtig bist, sei sanftmütig, damit die anderen dich achten und nicht fürchten." — Chilon aus Sparta, einer der Sieben Weisen Griechenlands, um 550 v. Chr.
📧 Schreib mir, wenn du gerade feststeckst: alex@lucyunlimited.com
Oder buche direkt einen Termin: calendly.com/alexhachmeyer/60min
Innen klar. Aussen wirksam.
Alexander



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