Psychologische Spiele erkennen und beenden
- Alexander Hachmeyer

- 29. Mai
- 4 Min. Lesezeit

Eine Bar in Boston.
Ein arroganter Harvard-Student versucht, einen Handwerker vor einer Frau bloßzustellen. Er nutzt geschwollenes Wissen über Wirtschaftsgeschichte, um eines zu zeigen:
Ich bin hier der Intellektuelle. Du gehörst nicht dazu.
Es ist keine Sachdiskussion. Es ist eine Falle. Ein Haken.
Dann schaltet sich Will Hunting ein. Er rattert die exakten Buchseiten herunter, aus denen der Student zitiert, und entlarvt, dass dieser sich seine Meinung für 15.000 Dollar Studiengebühren nur erkauft hat. Das Publikum feiert. Der Angreifer wechselt blitzschnell in die Rolle des beschämten Opfers.

Was Hollywood als Triumph inszeniert, ist die Blaupause für etwas, das Eric Berne in den 1960ern beschrieben hat: psychologische Spiele. Transaktionen mit einem verdeckten, unbewussten Ziel.
Sie beginnen nie laut. Sie beginnen mit einer Einladung. Und die meisten von uns nehmen sie automatisch an.
Vom Kino an den deutschen Frühstückstisch
Wir müssen dafür nicht in die USA schauen. Ein Blick auf den berühmtesten Frühstückstisch Deutschlands reicht.
Berta und Hermann sitzen beim Ei.
„Berta, das Ei ist hart." „Ich höre es."
Hermanns Satz ist kein Befund über den Aggregatzustand des Eigelbs. Es ist exakt derselbe Haken wie in der Bar in Boston. Die verdeckte Botschaft auf der Beziehungsebene: „Du bist nicht mal fähig, ein Ei richtig zu kochen." Berta beißt an, rechtfertigt sich, und wenige Sätze später schreit er entnervt: „Ich will einfach nur ein weiches Ei!"

Das Gespräch endet am Küchentisch wie im Büro exakt gleich: mit einem unguten, aber seltsam vertrauten Gefühl. Nicht überraschend. Genau wie das letzte Mal. Und das Mal davor.
Wer es nochmal selbst sehen möchte, die knapp drei Minuten lohnen sich! :-)
Die Mechanik: drei Schritte in Psycholgische Spiele
Eric Berne hat die Struktur in eine einfache Formel gegossen. Für deinen Alltag bedeutet das drei Phasen:
1. Der Haken (Con) Eine verdeckte Botschaft, die präzise auf eine Schwachstelle zielt. Oft als Hilfsangebot oder Sorge getarnt. Im Büro klingt das so: „Ich will dich ja nicht unter Druck setzen, aber wann glaubst du, dass du fertig bist?"
2. Der Rollenwechsel (Switch) Plötzlich kippt die Situation. Wer eben noch helfen wollte, klagt jetzt an. Wer Verantwortung abgegeben hat, fühlt sich plötzlich hilflos. Der Wechsel kommt blitzschnell, und er hinterlässt Verwirrung.
3. Der Ertrag (Payoff) Am Ende sitzen alle mit dem Gefühl da, das sie unbewusst gesucht haben: Ärger, Schuldgefühl, Resignation oder die bittere Bestätigung: „Ich habe es ja gleich gewusst."
Dieses Gefühl am Ende ist kein Unfall. Es ist das eigentliche Ziel des Spiels.

Warum wir das immer wieder tun
Spiele sind keine böswillige Strategie. Sie sind eine unbewusste Form von Kontakt.
Wer früher gelernt hat, dass direkte Nähe nicht sicher ist oder dass offene Bitten abgelehnt werden, entwickelt Ersatzlösungen. Das Spiel sichert Aufmerksamkeit, auch wenn sie negativ ist. Hermann und Berta reden nicht über ihre Beziehung, sie reden über das Ei. Aber sie reden.
Das Muster ist nicht schlecht. Es war einmal ein Schutz. Es ist heute nur nicht mehr nötig.
Woran du erkennst, dass ein Spiel läuft
Nicht durch Analyse im Moment selbst. Durch dein Körpergefühl. Drei Signale:
→ Der plötzliche Druck.
Du fühlst, du musst sofort reagieren oder dich rechtfertigen, obwohl sachlich nichts passiert ist.
→ Das Déjà-vu.
Die Situation fühlt sich bekannt an. Nicht weil sie logisch ist, sondern weil das emotionale Drehbuch uralt ist.
→ Die Sackgasse.
Egal, was du sagst, du spürst: Es wird gegen dich verwendet werden.

Das Werkzeug: der Southgate-Weg
Wills Fehler in der Bar? Er hat das Spiel nicht beendet. Er hat es umgedreht und härter zurückgeschlagen. Er hat gewonnen, aber das Spielfeld nicht verlassen.
Wie die Meisterklasse aussieht, zeigt der englische Fußball Trainer Gareth Southgate. Pressekonferenz nach einem verlorenen Turnierspiel. Die Fragen der Journalisten enthalten versteckte Vorwürfe und die Einladung zur Eskalation.
Southgate schlägt nicht zurück wie Matt Damon. Er rechtfertigt sich nicht wie Hermann. Er nimmt den Haken gar nicht erst auf. Er antwortet sachlich, benennt die verdeckte Ebene und lässt sie ins Leere laufen. Wo kein Gegenfeuer entsteht, gibt es keinen Brand.
Der Ausstieg heißt:
Benenne die verdeckte Ebene sachlich, bevor der Rollenwechsel passiert.
Das braucht keine therapeutischen Phrasen. Es klingt nüchtern:
„Ich höre die Frage nach dem Timing. Schwingt da die Sorge mit, dass wir den Abgabetermin verpassen?"
„Wir drehen uns gerade im Kreis. Was genau müssen wir jetzt entscheiden, um handlungsfähig zu sein?"
„Wenn wir das so machen, liegt die Verantwortung komplett bei mir. Ist das so gewollt?"
Das Ziel ist nicht, das Spiel zu gewinnen. Das Ziel ist, das Spielfeld zu verlassen.

Die Frage für diese Woche
Führung entscheidet sich in diesen Mikromomenten. Jedes Meeting, jedes Jour Fixe hält Haken für dich bereit. Du musst sie nicht aufnehmen.
Welches Gespräch in deinem Team oder deiner Familie folgt immer demselben, ermüdenden Drehbuch, und was passiert, wenn du beim nächsten Mal kurz innehältst, statt den Haken zu schlucken?
Wenn du das Muster nicht nur erkennen, sondern verändern willst
Solche Spiele lösen sich selten durch guten Willen oder mehr Anstrengung. Sie sind ein Muster. Und Muster kann man verstehen und verändern. Allein oder gemeinsam.

Wenn in deinem Team oder deiner Abteilung immer wieder dieselben Gespräche im Kreis laufen, arbeite ich mit Gruppen genau an dieser Stelle: woran ihr die Haken erkennt, bevor das Meeting kippt, und wie ihr als Team einen anderen Weg findet.
Wenn es dich persönlich betrifft, eine Beziehung, ein wiederkehrender Konflikt, eine Dynamik, die du längst satt hast, dann ist das ein gutes Thema fürs Einzelcoaching.
Beides beginnt mit einem kurzen, kostenlosen Gespräch.
Du kannst dir direkt einen Termin aussuchen:
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💬 Schreib mir, wenn dich das beschäftigt, lass uns kurz sprechen.
Innen klar. Außen wirksam.
Alexander



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