Was dein Team nach der Trauer der Niederlage braucht.

Am Sonntagabend, wenn in New Jersey der Schlusspfiff kommt, stehen 47 Verlierer fest. Und ein Weltmeister.
Am Mittwoch hat es England erwischt. Atlanta, Halbfinale. Anthony Gordon trifft in der 55., England führt, England verteidigt, England kommt nicht mehr raus. In der 85. gleicht Enzo Fernández aus. In der 90.+2 köpft Lautaro Martínez das 2:1. Beide Male hat Lionel Messi aufgelegt.

Vier Jahre Arbeit, aufgelöst in sieben Minuten. Danach die Bilder, die du oben siehst. Jude Bellingham auf dem Rasen.
Niemand hat ihm gesagt, er solle sich "gefälligst zusammenreißen!"
Das ist der Teil, über der mich interessiert
Der letzte Ort für Trauer Team Gefühle:
Ein Fußballstadion ist einer der Orte, an dem ein erwachsener Mann öffentlich weinen darf und dafür in den Arm genommen wird. Achtundsechzigtausend Menschen sehen zu, und keiner findet es peinlich.
Die Fähigkeit zum Fühlen ist also da. Vollständig! Öffentlich seine eigene Trauer zu zeigen - als Mann? Das geht akzeptiert häufig nur im Fußballstadion.
Derselbe Mann, Montagmorgen, Vorstandssitzung. Das Projekt ist tot, vier Jahre Arbeit. Das Gesicht bleibt still, die Stimme wird sachlich. Jemand sagt:
"dann schauen wir nach vorn"
und alle nicken, nur:
Du entscheidest nicht, ob du fühlst oder nicht. Dein Körper entscheidet und antwortet, immer auf das Gefühl. Auch wenn du es wegdrückst.
Deine Freiheit liegt also nur darin, was nach deinem Gefühlt passiert und wie du mit ihm umgehst. Und da Trauer, Angst und Schmerz häufig keine öffentlich aktzeptierten Gefühle sind, sieht man diese in Unternehmen nach großen Verlusten selten.
Dafür sieht man Zynismus. Sarkasmus in Meetings. Die Suche nach dem, der Schuld war. Und plötzlich Streit über Dinge, die mit dem Verlust nichts zu tun haben.
Wer keine Trauer zulässt, organisiert Schuldzuweisungen und Ersatzgefühle.
Wofür das Gefühl "Trauer" da ist.
Jedes Grundgefühl hat einen Job. Johann Schneider hat das für die Transaktionsanalyse sauber aufgeschrieben: Auslöser, Funktion, Zeitbezug, soziale Resonanz. Nachstehend dargestellt für Trauer, z.B. wegen eines verlorenen Fußballspiels.

Bei der Trauer ist der Auslöser ein Verlust. Ihre Funktion ist Loslassen, sie macht Vergangenheit zu Vergangenheit. Ihr Zeitbezug ist genau das: Darf es fertig sein? Trauer ist Aufräumarbeit. Und auch die Trauer hat natürlich einen Feierabend im Team.
Der Teil, den fast alle überspringen, steht unten rechts:
Soziale Resonanz: ernst nehmen, versorgen.
Trauer braucht eine Antwort von außen. Einer kann für sich allein trauern. Fünfundzwanzig brauchen jemanden, der es aushält, dass alle gleichzeitig am Boden sind.
"Kopf hoch, war trotzdem stark" ist gut gemeint. Es ist ein Versorgungsangebot, das nicht versorgt, weil es in Wahrheit sagt: hör auf damit.
Der Kalender als Vermeidung
England fliegt übrigens nicht nach Hause. Samstagnacht, Miami, Spiel um Platz drei gegen Frankreich. Drei Tage nach dem Abpfiff wieder Leistung abrufen, für einen Platz, den niemand will.
Das kennst du. Der Verlust ist am Freitag, der Kick-off für das Nachfolgeprojekt am Montag. Niemand hat entschieden, dass nicht getrauert wird. Es stand nur nichts im Kalender.
Was keinen Weg nach draußen findet, wird ersetzt. Und Ersatzgefühle haben eine Eigenschaft, an der du sie erkennst: Sie lösen nichts. Man wird laut. Man diskutiert tagelang. Hinterher fühlt sich nichts leichter an.
Trauer ist irgendwann durch. Der Ärger auf den Schiedsrichter ist im September noch da.
Wut gehört dabei ausdrücklich dazu. Schneider beschreibt Trauern als Prozess: Schock, Schmerz, Hadern, Wut, Ohnmacht, immer wieder Trauer, am Ende Vergebung und Wertschätzung. Wut ist eine Station. Zum Problem wird sie, wenn sie zur Endstation wird.
Damit kein Missverständnis entsteht: Es geht darum, Gefühle stimmig zu Person, Situation und Rolle zu leben. Wer wahrnimmt, was da ist, gewinnt Handlungsmöglichkeiten und verliert dabei nichts an Steuerung.
Der Satz nach dem Verlust.
Am Sonntagabend haben alle 48 Mannschaften dieselbe Wahl. Das Ergebnis steht dann schon fest. Der Satz danach nicht.

"Der Schiri. Das Los. Die FIFA."
"Wir waren nie in derselben Liga."
"War eh alles Zufall."
"Sie waren besser. Wir wissen, warum. Im September fangen wir da an."
Die ersten drei sind ein Schlusspunkt.
Die vierte Haltung ist der neue Anfang.
Die interessanteste Antwort kam am Mittwoch von Thomas Tuchel. Vor den Mikrofonen, nach dem Aus: Ich übernehme die Verantwortung. Kein Bedauern. Das Team habe alles gegeben, die Führung sei verdient gewesen, man habe sich nicht ins Ziel gerettet und nach dem eigenen Tor das Niveau nicht gehalten.
Kein Schiedsrichter. Kein Los. Kein Zufall. Und kein Wort über die eigene Unzulänglichkeit.
Dieselbe Presse zerlegt ihn seit Donnerstag: zu früh gemauert, zu passiv nach der Führung. Wahrscheinlich zu Recht. Beides steht nebeneinander, und genau das ist der Punkt. Er hat verloren, vermutlich durch eigene Fehler, und steht trotzdem oben rechts.
Das Ergebnis entscheidet nicht, was im September möglich ist. Sein Satz und seine Haltung ggü. dem Team entscheidet es.
Dein Werkzeug für diese Woche: 3 Schritte
Nimm das letzte Ergebnis, das dich beschäftigt hat. Gewonnen oder verloren, egal.
Schreib den ersten Satz auf, den du danach gesagt hast. Wörtlich. Nicht den, den du sagen wolltest.
Leg ihn auf die Grafik.
Liegt er nicht oben rechts, frag dich, welches Gefühl du übersprungen hast. Das ist meistens die kürzere Frage als die nach der besseren Haltung.
Und der Sieger von Sonntag?
Bleibt Weltmeister. Und auch hier gilt wie bei allen Gefühlen:
Auch Freude will gefühlt werden.
Ihre Funktion ist Gemeinschaft, deshalb singen achtzigtausend Menschen zusammen, die sich nicht kennen. Wer die Freude wegdrückt und am Montag schon von der Titelverteidigung spricht, bekommt seine Mannschaft im September nicht zurück. Er hat den Moment übersprungen, der sie zusammengehalten hat.
Am Sonntag werden Millionen zusehen, wie elf Männer weinen und elf andere sich in den Armen liegen. Keiner wird sagen, sie sollen sich zusammenreißen.
Wir können das alle. Wir haben es nur an einen einzigen Ort gesperrt.
Der Rest ist Terminplanung.
P.S. Ich erarbeite Identitäten für Unternehmen, Teams und Marken. Oft fängt das da an, wo etwas zu Ende gehen darf. Wenn du an so einem Punkt stehst, lass uns sprechen: https://calendly.com/alexhachmeyer oder alex@lucyunlimited.com. Das erste Gespräch kostet nichts.
Innen klar. Aussen wirksam.
Alexander




Kommentare